Donnerstag, 5. Juli 2018 | 08:22

Rückblick Fachmesse ArbeitsSicherheit Schweiz 2018

Sicherheit und Schutz im Fokus: Arbeit gesundheitsgerecht gestalten.

Von Experten zu Experten (Foto: Friederike Tröndle / ArbeitsSicherheit Schweiz)
Von Experten zu Experten (Foto: Friederike Tröndle / ArbeitsSicherheit Schweiz)

Vom 19. bis 21. Juni 2018 war die BERNEXPO wieder Treffpunkt für Arbeitssicherheitsexperten und Gesundheitsmanager. Die 7. Fachmesse ArbeitsSicherheit Schweiz stellte mit den Sonderbereichen Rope Access und Corporate Fashion sämtliche Aspekte rund um Sicherheit und Schutz am Arbeitsplatz in den Fokus und versammelte zahlreiche grosse Namen unter einem Dach. Erstmals fand zudem parallel die neue GLL Expo, Fachmesse für Logistik und Ladungssicherung von Gefahrgütern & Gefahrstoffen in direkter Nachbarschaft statt, die sich an Gefahrgutbeauftragte richtete. Ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Sicherheitsparcours, Live Shows, spannenden Keynotes und zahlreichen Fachreferaten rundete das Angebot ab.

 

Alexander R. Petsch, Geschäftsführer des Messeveranstalters børding, ist überzeugt: «Die ArbeitsSicherheit Schweiz ist das relevante Branchenfenster für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und wird zukünftig noch an Bedeutung gewinnen». So viel Kompetenz zu dem Thema an einem Ort habe es in der Schweiz so wahrscheinlich noch nicht gegeben. Die Messe zeichne sich durch eine grosse Produktvielfalt zum Anfassen und Ausprobieren aus, vor allem im Bereich Rope Access. Zudem würden zahlreiche Aspekte der Gesundheitsförderung angesprochen.

 

2'781 Besucher nutzten auch in diesem Jahr wieder die Gelegenheit, sich über Produkte und Markttrends rund um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zu informieren und sich mit Kollegen auszutauschen. Denn die Stellschrauben sind vielseitig und reichen vom Einsatz persönlicher Schutzausrüstung (PSA), Umgang mit Gefahrgut, Arbeitshygiene, über Gefährdungsbeurteilung, Alarmierung, Erste Hilfe und Rettungseinsatz bis hin zur Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung, sowie Früherkennung von psychosozialen Risiken. Rund 200 Aussteller und Partner zeigten ihre Produktneuheiten unter anderem für Arbeitsschutzkleidung, Absturzsicherung, Ladungssicherung, Verpackungen und Gefahrgut, die den Arbeitsalltag für die Mitarbeitenden sicherer machen sollen. Zudem wurde auf der Messe deutlich, wie sehr neue Technologien Produktherstellung und die Prozesse in diesem Segment verändern. Dazu gehören beispielsweise moderne App-Lösungen zur Gefährdungsbeurteilung, digitale Lernplattformen oder digitale Tools zur Gesundheitsförderung der Mitarbeitenden und Früherkennung von Risiken und Gefahren.

 

Von Experten zu Experten

Die Fachbesucher konnten sich direkt mit den Experten vor Ort austauschen. Katharina Walser, Präsidentin des BGMnetzwerk.ch sieht das als einen grossen Pluspunkt: «Hier kommen wir direkt mit den richtigen Fachleuten ins Gespräch», sagt sie. Das BGMnetzwerk.ch, das Akteure in Sachen Gesundheitsförderung in der Schweiz vernetzt, verzeichnete grossen Zulauf, insbesondere von Vertretern kleinerer Betriebe, «denn vor allem diese brauchen Unterstützung bei der praktischen Umsetzung». Bea Linder von Arbeitssicherheit Schweiz, dem Schweizerischen Verein für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, betont: «Die ArbeitsSicherheit Schweiz ist die einzige relevante Messe für uns und somit die wichtigste Gelegenheit, uns zu präsentieren.» Der Verein feiert das 20-jährige Bestehen seiner Branchenlösung und nahm die Besucher in einem Vortrag mit auf eine Zeitreise, die zeigte, wie sich Arbeitssicherheit im Laufe der Zeit verändert hat. Seit 2006 arbeitet der Verein mit der Fachmesse ArbeitsSicherheit Schweiz zusammen und präsentierte auch in diesem Jahr zusammen mit der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) den Sicherheitsparcours, an dem sich insgesamt sieben Aussteller beteiligten, und an dessen Posten die Besucher ihr Wissen überprüfen konnten.

 

Berufskleidung mit Botschaft

Für Abwechslung sorgte an den drei Messetagen immer wieder die Fashion Show ModelUp, in der modische Berufsbekleidung unterhaltsam präsentiert wurde. Mit modernen Techniken, die an der Messe zu begutachten waren, wird Arbeitskleidung aus hochwertigen Materialien bestickt und bedruckt und zu einem einheitlichen Firmenoutfit. «Seit einigen Jahren ist der Bereich Corporate Fashion auf dem Vormarsch, denn auch bei Sicherheitskleidung darf der modische Aspekt nicht zu kurz kommen», sagt Stephanie Flores Gil, Projektleiterin der Veranstaltung. «Dem werden wir auch mit der nächsten Messe im Jahr 2020 Rechnung tragen.» Dass Berufsbekleidung neben den Sicherheitsanforderungen noch andere Aufgaben erfüllen kann, erklärte Modedesignerin Heike Rüther anschaulich in ihrer Keynote. Sie warf neue, spannende Schlaglichter auf das Thema. Denn Berufsbekleidung kann nicht nur schützen, sondern, mit dem richtigen Outfit, auch die Unternehmenswerte transportieren. Farbe, Symbole, Stil und Accessoires - all das kann, wohldurchdacht, auch die Unternehmenswerte transportieren und die Corporate Identity unterstreichen. Unternehmen müssten sich laut Rüther die entscheidende Frage stellen: «Wie wollen wir wahrgenommen werden?» Hinzu komme, dass die passende Kleidung, in denen sich die Mitarbeitenden wohlfühlen, dieses Selbstbewusstsein vermittle und den Teamgeist stärke. Eine Uniform sei unverwechselbar. «Und auch wenn diese nicht so streng ausgelegt wird, möchten wir auf den ersten Blick wissen: Zu welchem Team gehörst du?», so Rüther. Auch bei Schuhhersteller Stuco ist seit rund acht Jahren der Designaspekt immer mehr in den Vordergrund gerückt. «Die Schuhe müssen alle Sicherheitsnormen erfüllen, dürfen aber nicht so aussehen», fasst Benjamin Kauz das Designmotto zusammen. Sicherheitsschuhe seien ein «must have», und umso wichtiger sei es, dass die Schuhe den Mitarbeitenden gefallen. «Dann haben sie Freude daran und sind motiviert.» Die richtige Auswahl und Aufbereitung von Schutzkleidung war ebenfalls ein Thema, das viele Besucher interessierte. «Der Arbeitgeber ist dafür verantwortlich, dass Schutz- und Hygienevorschriften eingehalten und verschlissene Stücke nicht mehr in Umlauf gebracht werden», so Werner Münnich vom deutschen Wirtschaftsverband Textil Service e.V.. In seinem Vortrag informierte er über die neue europäische PSA Verordnung, nach der unter anderem Zertifizierungen nur noch fünf Jahre gültig sind.

 

Peter Schwander, Präsident des Vereins höhere Berufsbildung Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz stellte die neue Berufsprüfung ASGS vor und berichtete über erste Erfahrungen. Acht Mal konnte der Titel nach der ersten Prüfung im April 2018 vergeben werden. «Die neue Berufsprüfung Spezialist/in ASGS mit eidgenössischen Fachausweis ist eine wichtige Anerkennung für die Spezialisten für Arbeitssicherheit», betonte Schwander. Die nächste Prüfung findet im Oktober 2018 statt. «Wir verstehen die neue Prüfung als Basisausbildung im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, auf der andere Ausbildungen aufbauen können.»

 

Jeder Absturz ist einer zuviel

Premiere hatte der neue Sonderbereich Rope Access für Höhenarbeit und Absturzsicherung, der mit seinen über 20 Ausstellern zahlreiche Besucher anzog und künftig noch weiter ausgebaut werden soll. Denn immer noch passieren nach Zahlen der Suva durchschnittlich rund 10'000 Abstürze pro Jahr, wie Urs Wellauer, Leiter Arbeitssicherheit beim Schweizer Bergführerverband in seinem Vortrag berichtete. Statistisch gesehen hätten die Abstürze täglich Invalidenfälle und alle zwei Wochen einen Todesfall zur Folge, so Wellauer. Er versuchte, die Ursachen hierfür zu ergründen. «An der Ausrüstung kann es nicht liegen», konstatierte der Experte. Es gebe viele hervorragende Produkte, und die Ausbildung finde bei verschiedenen Anbietern auf hohem Niveau statt. Jedoch kämen die Unternehmen ihren Verpflichtungen in der Ausbildung oder in der Bereitstellung der Ausrüstung oft nicht vollständig nach. Auf der Messe konnten sich die Sicherheitsbeauftragten direkt über Produktneuheiten in der Sicherheitsausrüstung und Schutzkleidung, aber auch über Trainings und Weiterbildungen informieren und sich beraten lassen.

 

Neue Technologien können Produkte und Prozesse in der ArbeitsSicherheit wesentlich verbessern. Zukunftsweisend ist auch der Einsatz von Drohnen im Rettungseinsatz. Um sich einen schnellen Überblick über einen Schadenplatz zu verschaffen, können Drohnen wertvolle Zeit sparen, wie Enrico Rentsch von der space-view.ch AG in seinem Vortrag berichtete. «Drohnen fliegen dank GPS zielgenau in die vorgegebene Position und senden ihre Bilder direkt an die Einsatzleitung», so Rentsch. Dies mache den Einsatz eines Helikopters immer häufiger überflüssig. Zudem könnten Drohnen auch in Bereiche vordringen, die für Menschen nicht erreichbar oder zu gefährlich sind.

 

Das richtige Verhalten im Ernstfall kann über Leben und Tod entscheiden. Dies gilt insbesondere im Umgang mit gefährlichen Stoffen. Viele Messebesucher zog es zu den Live Shows der angegliederten GLL Expo, an der namhafte Aussteller aus Industrie, Handel und Logistik Produkte für den Umgang mit gefährlichen Stoffen ausstellten. Passend hierzu präsentierte die Chemiewehrschule Zofingen in Live Shows drei Unfallszenarien und klärte dabei über das richtige Handeln bei einem Gefahrgutunfall auf. Sie demonstrierte anschaulich, welche Fehler tunlichst zu vermeiden sind, und mit welchen Hilfsmitteln sich die Gefahr eindämmen lässt, bevor die Rettung vor Ort ist.

 

Paradigmenwechsel in der Alleinarbeit

Aber auch in anderen Arbeitsbereichen kann es im Alltag schnell zu einem Notfall kommen. Häufige Ursache sind Herz und Kreislaufprobleme. Mathias Haussmann, CEO von der Uepaa AG, machte den Wandel im Mitarbeiterschutz deutlich. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz müssen mit den Veränderungen in der Arbeitswelt Schritt halten. Arbeiten wird mobiler, flexibler und digitaler. «Alleinarbeit ist längst nicht mehr nur ein Thema für Risikojobs», erklärte Haussmann und sprach von einem Paradigmenwechsel in der Alleinarbeit. Heute müssten Arbeitnehmer nicht mehr unbedingt im Büro sein, um ihre Arbeit zu machen. Auch in Startups fänden dynamische Prozesse statt, und die Mitarbeiter arbeiteten grösstenteils mobil und alleine. «Es entstehen ganz neue Berufsbilder, die neue Anforderungen an die Alleinarbeit und die Schutztools stellen», meinte Haussmann. Die Digitalisierung mache es möglich, die Mitarbeitenden beispielsweise mit schlankem Gerät zur Alarmierung und Kameradenhilfe im Notfall auszurüsten. Die Messebesucher bekamen auch zahlreiche Informationen für die operative Umsetzung für eine Erste Hilfe Organisation im Betrieb an die Hand. Andreas Juchli, CEO der JDMT Medical Services AG machte klar: «Erste Hilfe ist nur wirksam, sicher und effizient, wenn sie als Prozess verstanden und als System organisiert wird.» So müssten nicht nur die Inhalte immer wieder trainiert werden, sondern auch der Prozess.

 

Gefahren und Risiken rechtzeitig erkennen

«Warum hat hier niemand Stopp gesagt?», fragte Xaver Bühlmann von der Schweizerischen Unfallversicherung Suva und stellte die Kampagne «250 Leben» vor, mit der es gelingen soll, in den nächsten zehn Jahren 250 Berufsunfälle mit Todesfolge und ebenso viele schwere Invaliditätsfälle zu verhindern. Für die praktische Umsetzung der Sicherheitscharta hat der Verband eine Toolbox lanciert, die in mehreren Fachreferaten ausführlich vorgestellt wurde. Inzwischen haben sich 7'000 Betriebe der Kampagne angeschlossen.

 

Eigentlich müsse in jedem Betrieb das Grundwissen über Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz vorhanden sein, meinte Urs Hof vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO in seinem Vortrag «Prävention im Büro». Dazu gehört auch die Arbeitsplatzgestaltung von Beleuchtung über Klima und Lärmschutz. Doch erst ab einer Grösse von 150 Mitarbeitenden bestehe in der Regel eine Unternehmensstruktur, in der Arbeitsschutz organisiert werden könne. «Schlechte Führung setzt Mitarbeitenden zu, genauso wie eine mangelhafte Organisation oder unklare Aufgabenstellung», ergänzte Hof und machte damit klar, dass neben allen technischen Fragen zur PSA und ergonomischer Arbeitsplatzgestaltung auch weiche Faktoren immer mehr in den Fokus der Gesundheitsmanager rücken.

 

Mittlerweile nehmen Präventionsmassnahmen zur psychischen Gesundheit in der Arbeitssicherheit einen ähnlichen Stellenwert ein wie die Unfallverhütung. Psychosoziale Belastungen wie Überforderung, Zeitdruck oder Mobbing können die Fehler- und Unfallquote erhöhen. Dr. Katharina Vogt berichtete über positive Erfahrungen mit dem Einsatz eines digitalen Früherkennungstools bei der Helsana AG. Das Tool basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz mit dem Ziel, Belastungen für die Mitarbeitenden möglichst früh erkennen zu können. Die resultierenden Massnahmenvorschläge seien eine gute Grundlage für das Gespräch zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften. Diese allerdings stünden dem Thema Gesundheitsfürsorge oft noch sehr skeptisch gegenüber und werteten diese als zusätzliche Aufgabe, wusste Prof. Dr. Andreas von der Fachhochschule Nordwestschweiz zu berichten. Er erklärte in seinem Vortrag anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie wichtig es ist, psychosoziale Risiken im Unternehmen zum Thema zu machen und gab wertvolle Tipps für die praktische Umsetzung. «Es muss gelingen, die Führungskräfte zu überzeugen, dass es sich hier nicht um eine Zusatzlast handelt, sondern bedeutet, ihre Aufgabe gesundheitsgerecht wahrzunehmen», so Krause. Denn die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbelastung, Beschwerden und Leistungsfähigkeit, sowie Arbeitsressourcen und Leistungsbereitschaft seien belegt. Es fehlten jedoch wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu der Frage: Wann genau müssen Unternehmen aktiv werden? Das mache das Ganze so schwierig, denn die Wirkung von psychosozialen Belastungen sei meistens eine Kombination aus mehreren Faktoren.

 

  • Die nächste Fachmesse ArbeitsSicherheit Schweiz findet vom 26. bis 28. Mai 2020 an der BERNEXPO statt.


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