Mittwoch, 9. Mai 2018 | 14:00

Vom Bewerben zum Umwerben

Die aktive Positionierung auf dem Arbeitsmarkt.

Worauf müssen Berufserfahrene achten, wenn sie freiwillig oder unfreiwillig eine neue Stelle suchen? Unser Ratgeber gibt Tipps zu Business-Netzwerk und Selbstmarketing. Brigitte Reemts Flum und Toni Nadig, 2. Auflage 2018
Worauf müssen Berufserfahrene achten, wenn sie freiwillig oder unfreiwillig eine neue Stelle suchen? Unser Ratgeber gibt Tipps zu Business-Netzwerk und Selbstmarketing. Brigitte Reemts Flum und Toni Nadig, 2. Auflage 2018

Sonntagmorgen, ein erfahrenes Kadermitglied zwischen 45 und 55 Jahre alt - nennen wir die Person Andrea - blättert in der Sonntagspresse und schaut sich die wenigen, publizierten Stelleninserate an, da sie - aufgrund einer Reorganisation in der alten Firma - nach einer neuen Anstellung Ausschau hält. Dabei stellt sie sich die Frage: Sind dies tatsächlich alle offenen Stellen; früher waren doch die Zeitungen seitenweise voll mit Stelleninseraten?

 

In der Tat hat sich der Stellenmarkt geändert und die Firmen finden schon seit einiger Zeit durch «active sourcing» die richtigen Mitarbeitenden auf dem Markt.

 

Diese Veränderung hat auch auf die Stellensuche einen grossen Einfluss - sind doch geschätzt nur   20 - 30% aller offenen Stellen tatsächlich sichtbar durch Stelleninserate in den verschiedenen Medien und/oder durch Ausschreibungen von Personalberatern.

 

Kommt in unserem Beispiel dazu, dass man ab 45 Jahren auf eine mehr als 15-jährige Berufser-fahrung zurückblicken kann und zusätzlich für sich definiert hat, in welchem Arbeitsumfeld man tätig sein will, mit welcher Persönlichkeit von Vorgesetzten man gerne zusammenarbeitet und/oder in welcher Form Arbeit und Freizeit in Einklang stehen soll - um nur ein paar Beispiele zu nennen.

 

Damit Andrea nun in nützlicher Frist - unsere Erfahrung in der Beratung zeigt, dass mit einer Suchzeit von 5 - 6 Monaten in dieser Alterskategorie zu rechnen ist - erfolgreich eine neue Stelle findet, setzt sie sich mit ihrer eigenen Geschichte zur Umwerbung - heute ist auch die Rede von Storytelling bzw. Personal Branding - auseinander und beginnt das eigene «Produkt» bzw. das eigene Alleinstellungsmerkmal, die sogenannte Unique Selling Proposition (USP), zu erarbeiten. Authentizität, Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit stehen dabei an oberster Stelle. Sie kaufen ja auch kein Produkt, von dem Sie nicht überzeugt sind. Das Gleiche gilt heute bei der eigenen Umwerbung für eine neue Stelle.

 

Da bekanntlich vor dem Neuanfang immer ein Ende steht, blickt unsere exemplarische Person nochmals zurück, fragt sich, wie es zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses gekommen ist, was die eigenen Anteile waren, und welche Erkenntnisse sie für sich daraus ziehen kann oder sogar ziehen muss. Sie entwickelt für sich eine Austrittskommunikation, die sie während der ganzen Kampagne der Neuorientierung begleiten wird.

 

Um jedoch nun am Markt eine erfolgreiche Umwerbung zu gestalten, gilt es - getreu einem der sieben Prinzipien von Steve Jobs «Es beginnt immer mit dem Produkt» - sich als eigenes «Produkt» zu erkennen und zu bearbeiten.

 

Aus diesem Grunde stellt sich Andrea die Leitfrage, «was will ich» und «für was stehe ich». Hier liegt der Kern der eigenen Geschichte und des Matchings bzw. Dismatchings zwischen dem Stellensuchenden und der Unternehmung. Unsere aktuellen Klientenzahlen bestätigen denn auch, dass, abgesehen von Reorganisation/Stellenabbau als Hauptgrund eines Stellenverlustes, bei mehr als 15% der Arbeitsverhältnisse wegen der «zwischenmenschlichen Chemie» aufgelöst werden. Wenn man für sich erkennt, wie sein ideales Umfeld, die ideale Aufgabe und somit die ideale Stelle aussehen soll, ist ein erster Schritt in der eigenen Produktgestaltung gemacht.

 

Ein weiterer, entscheidender Faktor der erfolgreichen Umwerbung seines eigenen Produktes ist die Erkenntnis über die eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten. Mit der Frage «Was kann ich» schält unsere Führungskraft für sich heraus, auf welche Leistungserfolge sie zurückblicken kann. Damit ist es aber nicht getan, denn es gilt auch, die Leistungserfolge so darzustellen und zu kommunizieren, dass die jeweiligen Empfänger auf dem noch zu definierenden Markt nachvollziehen können, WIE sie diese Erfolge erreicht hat. Aus dem WAS und dem WIE des eigenen Könnens zeigt unsere Fachperson ihrem Markt auf, WARUM genau sie die richtige Person ist. Dies kann einerseits im Lebenslauf durch eine gezielte Auswahl von Highlights und Erfolgen gelingen, aber auch mit Hilfe aller Kontakte, die man während seiner Neuorientierungskampagne haben wird. Weiter ist Kreativität und Cleverness gefragt, wenn es darum geht, mit welchen Schlagworten unsere Fachkraft - in unserem Fall ein Senior HR Business Partner - in den sozialen Netzwerken wie LinkedIn und Xing gesucht werden könnte. Hier nur eine kleine, mögliche Auswahl: HR Business Partner, HR Manager, Personalreferent, HR Verantwortlicher, Bereichspersonalleiter, HR Leiter für Bereich X, usw.

 

Nachdem nun unsere Führungskraft ihr eigenes «Produkt» gestaltet hat, müssen die Fragen folgen, WO deren Markt ist und WAS der Markt braucht. Andrea recherchiert nun gezielt mögliche Branchen bzw. mögliche Zielfirmen, die auf das, was sie zu bieten hat, passen können. Und hier findet ein Umdenken statt, in dem sich unsere Führungskraft nicht mehr mit «ich suche …» und somit «ich bewerbe mich …» auseinandersetzt, sondern dem Zielmarkt «ich biete …» mitteilt. Die «Umwerbungskampagne» beginnt nun zu starten.

 

Unsere Beratungserfolge zeigen auf, dass je besser die qualitative (Marketing-)Strategie der eigenen Neurorientierung entwickelt ist, desto grösser und rascher stellt sich der nachhaltige Erfolg einer neuen Anstellung ein. Deshalb ist fester Bestandteil jeder Beratung bei Dr. Nadig + Partner AG eine umfassende Standortbestimmung. Darüber hinaus unterstützen wir unsere Klienten bei ihrer Positionierung auf dem Arbeitsmarkt und sind Sparringpartner in Bezug auf alle arbeitsmarkt- und stellenbezogenen Fragen. Neben der individuellen Beratung bieten wir eine Palette an Workshops und Trainings zu arbeitsmarktrelevanten Themen an sowie Zugang zu allen wichtigen Datenbanken und Hilfsmitteln.

 

Um nun wieder zu Andrea zurück zu kommen: jetzt gilt es, das eigene Netzwerk zu aktivieren, um die 70 - 80% der offenen Stellen im sogenannten «verdeckten Markt» aufzuspüren. Die hohe Anzahl der nicht sichtbaren Stellen hat verschiedene Gründe: z.B. könnte der aktuelle Stelleninhaber vor der Pensionierung stehen, womit eine Neubesetzung in naher Zukunft ansteht, oder eine Firma will nicht öffentlich rekrutieren, weil sie der Konkurrenz nicht zeigen will, was sie auf dem Stellenmarkt sucht oder eine Unternehmung kommt erst durch das Angebot des Stellensuchenden auf die Idee, eine neue Stelle zu schaffen. Unsere Führungskraft ist jetzt in der Darstellung von sich selber unter Berücksichtigung der erwähnten Authentizität, Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit gefordert.

 

Die Erfolge unserer Klienten bestätigen den «Saleskanal» «Networking». 55 - 70% unserer Klienten haben in den letzten Jahren über diesen Kanal erfolgreich eine neue Anstellung gefunden. Papier ist bekanntlich geduldig und sagt nichts über Emotionen, Kompetenzen und Erfahrungen. In einem Lebenslauf kann sich jeder die Frage, WAS hat die Person schon alles gemacht, beantworten, aber WIE sie es jeweils erfolgreich umgesetzt hat, ist nur durch direkte, persönliche Kontakte sichtbar sowie nachvollziehbar.

 

Aus diesem Grund setzt Andrea in persönlichen Kontakten in ihrem definierten Zielmarkt emotionale Botschaften ab, aber auch was und vor allem wie sie etwas zum Erfolg führt. Sie zeigt in Netzwerkgesprächen auf, was sie dem Markt alles zu bieten hat. Durch diese Vorgehensweise erreicht sie erhöhte Aufmerksamkeit für sich und ihre Fähigkeiten.

 

Jeder von uns kauft ja auch eher etwas, wenn man durch einen guten Bekannten eine Empfehlung für ein Produkt erhält. Und so verhält sich heute auch der Arbeitsmarkt, in dem Firmen aktiv auf die Suche nach den passenden Mitarbeitenden gehen, in dem sie die verschiedenen Netzwerke ansprechen.

 

Andrea ist fündig geworden: Damit die eigene Umwerbung zu einer erfolgreichen Bewerbung führt, muss man sich immer seines eigenen Produkts in Form «was will ich» und «was kann ich» bewusst sein, damit man sich dann dem für sich adäquaten Markt anbietet.


Dr. Nadig + Partner AG



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